Weihnachten

BLIQ-Redaktion

Maria als Prophetin und Jesus als sprechender Säugling? Die islamische Weihnachtsgeschichte 

Die Jungfrau Maria (Maryam) und Jesus in einer persischen Miniatur. (Foto: Wikipedia)

 

Dr. Farid Suleiman ist Post-Doktorand im Department für Islamisch-Religiöse Studien
an der Universität Erlangen. Mit dem islamischen Theologen haben wir über die besondere Stellung Marias, alte muslimisch-weihnachtliche Traditionen und die Angst mancher Muslime vor Weihnachten gesprochen.

FRAGE Herr Suleiman, Christen und Christinnen feiern jetzt das Weihnachtsfest, mit dem man sich an die Geburt Jesu erinnert. Gibt es diese Geschichte auch im Koran?

Farid Suleiman Dazu gibt es sogar ein eigenes Kapitel, nämlich die Sure »Maryam«, oder »Maria«, die 19. Sure des Koran. Dort wird die Geburt Jesu ausführlich beschrieben. Allerdings ist es im Koran so, dass der Engel Gabriel zu Maria geschickt wird, um sie zu benachrichtigen, dass sie ein Kind empfangen wird. Sie ist sehr verwundert, weil sie keinerlei sexuelle Beziehungen zu einem Mann gehabt hat. Aber der Engel Gabriel erklärt ihr, dass Gott Jesus auch erschaffen kann, ohne dass da vorher Frau und Mann zusammenkommen. Und er sagt, dass er Jesus als eine Barmherzigkeit Gottes und als ein Zeichen für die Menschheit schickt.

FRAGE Die koranische Geschichte geht also sehr genau auf die Umstände Marias ein.

Farid Suleiman Ja genau das tut sie. Maria macht sich Sorgen: Was werden die Menschen sagen, wenn sie ein Kind hat? Denn sie ist ja keine Ehe eingegangen. Was also werden die Leute sagen, wenn sie dann mit dem Jesuskind zu ihrer Gemeinschaft, zu den Juden, kommt. Und wieder kommt eine Stimme, die sie tröstet. Das ist auch der Engel Gabriel. Tatsächlich wird ihr dann auch genau der Vorwurf gemacht, vor dem sie Angst hatte: Nämlich wie es sein kann, dass ein Kind hat, obwohl sie noch gar nicht verheiratet ist. Und das, was dann kommt, ist im Islam das erste Wunder von Jesus: Jesus spricht als Säugling zu den Menschen und erklärt ihnen, dass er ein Gesandter Gottes ist.

FRAGE Wie wichtig ist Jesus für die Muslime?

Farid Suleiman Jesus wird in vielen verschiedenen Wissenstraditionen des Islams behandelt, vor allem auch in der sufistischen Tradition. Er gilt als ein Vorbild für Frömmigkeit, als besonders rechtschaffen, als jemand mit einem sehr guten Charakter. Und deswegen gibt es viele Überlieferungen, die diesen frommen Charakter besonders hervorheben.

FRAGE Und was ist mit Weihnachten, also der Geburt Jesu – hat die einen besonderen Stellenwert im Islam?

Farid Suleiman Wenn man den Koran liest – was man als praktizierender Muslim ja häufiger tut – stößt man immer wieder auf die Geburt Jesu. Dass der Koran dieser Geschichte so viel Platz einräumt, zeigt deutlich, dass es sich um ein besonderes Ereignis handelt. Die Geschichte Jesu ist eines der größten Wunder, die im Koran beschrieben werden - sowohl die Jungfrauengeburt als auch die Tatsache, dass Jesus als Säugling zu den Menschen gesprochen hat.

FRAGE Welche Rolle spielt Maria für gläubige Muslime?

Farid Suleiman In der islamischen Tradition wird Maria zu den besten Menschen gezählt, die je erschaffen wurden. Sie wird natürlich nicht als Mutter Gottes gesehen, aber sie ist eine ganz wichtige Figur im Koran, die an sehr vielen Stellen vorkommt. Sie wird von Gott gelobt und als ein Vorbild für die Menschen ausgezeichnet. Es gibt in der islamischen Tradition sogar Stimmen, die Maria als Prophetin gesehen haben. Aber dazu gibt es Meinungsverschiedenheiten.

FRAGE Feiern Muslime auch den Geburtstag Jesu – wie es die Christen an Weihnachten tun?

Farid Suleiman In der Geschichte hat es so etwas tatsächlich gegeben. Es gibt da zum Beispiel eine Geschichte aus Palästina: Vor etwa hundert Jahren haben die muslimischen Palästinenser das Weihnachtsfest offenbar so stark gefeiert, dass die Christen sich bei den Muslimen beschwerten, weil das doch eigentlich ihr Fest sei. So etwas hat es immer wieder gegeben und gibt es in Einzelfällen wohl auch bis heute. Aber in der islamischen Praxis ist das eigentlich nicht vorgesehen.

FRAGE Es gibt aber auch Muslime, die es generell ablehnen, Weihnachten zu feiern, oder?

Farid Suleiman Muslime machen das ganz individuell mit sich selbst aus. Die, die engen Kontakt zu Christen haben oder in einem christlichen Umfeld leben, feiern vielleicht mit. Andere distanzieren sich eher davon, weil sie kein Fest mitfeiern wollen, dass von der christlichen Theologie als Geburt des Sohn Gottes verstanden wird. Denn dass Gott sich den Menschen in Fleisch und Blut offenbart hat, ist eine Vorstellung, die dem Islam fremd ist. Daher gibt es auch viele Muslime, die das christliche Weihnachtsfest nicht mitfeiern, weil sie Angst haben, sich zu nah an etwas heranführen zu lassen, das im Koran ganz klar abgelehnt wird.

FRAGE Ein zentraler Punkt im Christentum ist auch die Kreuzigung Jesu – und seine Auferstehung. Wie sehen Muslime das?

Farid Suleiman Zumindest nach der allgemeinen verbreiteten Meinung ist Jesus ganz normal geboren worden. Er ist aber nicht gestorben wie jeder andere Mensch. Sondern er ist lebendig in den Himmel zu Gott emporgehoben worden und wird noch einmal auf die Welt kommen – um dann am Schluss auch einen normalen Tod zu sterben, wie jeder andere Mensch. Man könnte also sagen: Jesus ist bisher nur geboren worden. Er ist aber bisher noch nicht gestorben.

 

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