PRO: DER IS­LAM
BRAUCHT KEI­NEN SCHUTZ

Ahmad Mansour ist Radikalisierungsexperte und Autor. Beim Berliner Projekt Heroes engagiert er sich gegen "Unterdrückung im Nahmen der Ehre". (Illustration: Pil Tesdorpf)

 

Kritischen Muslimen wird die Debatte in Deutschland von zwei Seiten verweigert: Von Teilen der Linken und von konservativen Muslimen. Sie wollen den Rassismus im Land nicht bestärken – und spielen genau damit den Rechten in die Hände.

EIN DEBATTENBEITRAG VON
AHMAD MANSOUR

Hinweis: Dieser Artikel ist Teil eines Pro- und Kontra-Formats. Lamya Kaddors Gegenposition "Islamkritik ist zu oft Rassismus" finden Sie hier.

Eine demokratische Gesellschaft lebt von einer tabufreien, kontroversen und sachlichen öffentlichen Debattenkultur. Die Pressefreiheit, die Meinungsfreiheit stehen im demokratischen Rechtsstaat über religiösen Konzepten, das Grundgesetz über heiligen Büchern. Aufgabe der vierten Gewalt, der Medien, ist es, differenziert und sachlich über die Ereignisse und Themen zu berichten, die die Öffentlichkeit interessieren, bewegen und beschäftigen. Jegliche Versuche, die Öffentlichkeit bewusst negativ oder positiv zu beeinflussen, widersprechen dem Pressekodex und dem Grundgesetz und führen zu einem Vertrauensverlust in der Bevölkerung. Dieses Vertrauen aber darf nicht verloren werden, wenn die allgemeine Verunsicherung nicht noch weiter steigen soll.

Es gibt aktuell wenige Themen, die für derart viel Zündstoff sorgen, wie Islam und Islamismus, Migration und Flüchtlinge. Es sind sehr viele Emotionen im Spiel. Immer wieder wird deshalb die Frage aufgeworfen, ob die Diskussion über Muslime in Deutschland fair ist. Braucht der Islam einen Schutz in der Öffentlichkeit? Was ist Aufgabe der Medien – nur darüber zu berichten, was in der Welt passiert? Oder auch, gezielt positive Geschichten über den Islam zu verbreiten, um bestehende Ressentiments nicht noch zu verstärken?

Darf man in Zeiten, in denen zu Recht viel über Rassismus diskutiert wird, auch über Inhalte diskutieren, die diesen Rassismus bedienen? Oder müssen bestimmte Themen vermieden werden? Darf man die Nationalität der Täter bei Straftaten benennen? Darf man Zusammenhänge zwischen Islam und Islamismus herstellen oder zwischen einer bestimmten Sozialisation und der Belästigung von Frauen? Muss man jedes Mal, wenn man über Themen berichtet, die Minderheiten in Deutschland betreffen, auch bestimmte Probleme und Fehlentwicklungen  in der Mehrheitsgesellschaft erwähnen? Und können Relativierungen hier eigentlich hilfreich sein?

»Kritischen Muslimen wird die Debatte in Deutschland von zwei Seiten verweigert«

Kritische Muslime, sogenannte »Islamkritiker«, machen genau das, was eingangs beschrieben wurde: Sie sprechen Themen rund um den Islam an, die die Öffentlichkeit bewegen und interessieren. Sie ernten dafür enormen Widerstand, von Linken und konservativen Muslimen auf der einen Seite. Auf der anderen Seite ernten sie viel Zuspruch von Teilen der Mehrheitsgesellschaft, von Nicht-Muslimen, von liberalen Muslimen und eben auch von radikalen Kräften am rechten Rand.

Das bringt mich immer wieder zum Nachdenken. Kann die Lösung sein, die öffentliche Debatte zu vermeiden, nicht mehr darüber zu sprechen? Und was heißt eigentlich Zustimmung? Sind nicht Muslime, die selbst Kritik an problematischen Inhalten ihrer Community und Religion üben, der beste Beleg dafür, dass es »den Islam« und »die Muslime« gar nicht gibt? Widerlegen nicht gerade sie die Argumentation von Rechten, die mit ihrem einseitigen und homogenen Muslimbild genau diese Gruppen von Menschen ignorieren?

Kritischen Muslimen wird die Debatte in Deutschland also von zwei Seiten verweigert: von den offiziellen muslimischen Verbänden und von Teilen des linken, grünen Milieus. In beiden Lagern weigert man sich, brennende Probleme der muslimischen Communities klar zu benennen und anzugehen.

Die Probleme heißen, unter anderem: Das Erstarken eines gefährlichen Fundamentalismus, der immer mehr junge Leute in den Terrorstaat des IS oder zu anderen islamistischen Gruppierungen wie Salafisten oder Muslimbrüdern zieht, das Degradieren von Frauen zu Menschen zweiten Ranges, die Erziehung von Kindern mit Angstpädagogik, eine Sexualfeindlichkeit, die zugleich sexualisiert und tabuisiert, ein Buchstabenglaube, der die heiligen Schriften nicht in ihrem historischen und lokalen Kontext, sondern als von Allah diktierte Texte begreift. Tausende von Beispielen zeigen, wie unfrei und unglücklich es macht, an diesen Vorstellungen festzukleben.

Solange die muslimischen Verbände – ebenso wie Grüne und Linke – leugnen, dass ein traditionell patriarchalisches Verständnis des Islams fundamentalistischen Muslimen in die Hände spielt, solange werden bei diesem Thema AfD und Pegida das Sagen haben. Die Neue Rechte pachtet das Benennen der Probleme für sich – und sie tut es auch tatsächlich: hetzend und rassistisch, statt politisch aufklärend, soziologisch klar und religionsanalytisch und lösungsorientiert.

»Wer Probleme nicht anspricht,
sieht Muslime nicht als gleich­be­rech­tigt«

Kluge und präventive Politik muss in der Mitte der Gesellschaft eine Debatte wollen und anstoßen. Ein traditionelles Islamverständnis befördert sexuelle Tabus und sexuelle Gewalt. Es hat enormen Einfluss auf das Verhalten der Geschlechter zueinander. Was in der Kölner Silvesternacht passiert ist, hat sein Vorbild auf dem Kairoer Tahrir-Platz und anderswo. Von der »religiösen Tradition« zur sexuellen Abstinenz gezwungene junge Männer greifen auf Frauen in der Öffentlichkeit zu. Das festzustellen ist nicht rassistisch, sondern ein Fakt. Wir, die Muslime, haben das Problem. Die kritischen unter uns benennen es und brauchen die Solidarität der Demokraten im Land. Von der AfD, von Pegida wollen wir sie nicht, denn sie ist keine.

Eine offene, tabufreie Debatte wird zu Lösungen führen, zum Nachdenken und zu besserer Prävention. Und sie wird die Rechtsradikalen und die Islamisten schwächen. Dazu muss allen klar werden, dass Muslime nicht für die »Opferrolle« gecastet werden, sondern als gleichberechtigte Bürger gleiche Rechte und Pflichten wahrnehmen wollen.

Wer meint, die patriarchalen Strukturen in der muslimischen Community dürfen nicht angesprochen werden, weil das Muslime "verletzen" könnte, nimmt sie nicht ernst und sieht sich nicht als gleichberechtigt. Der Kulturrelativismus derer, die glauben, dass sie die Strukturen der Kirche, des Rechtsextremismus, der AfD usw. zu Recht kritisieren und deren menschen- bzw. frauenfeindliche Inhalte thematisieren müssen, aber wenn es um Muslime geht unter dem Motto "Toleranz" die Probleme tabuisieren, entmündigt uns Muslime. Damit handelt das links-grüne Lager genauso wie Salafisten, Wahhabiten und übrige islamische Fundamentalisten – nur unter anderen Vorzeichen.

»Wo bleibt die Solidarität der Progressiven im Land?«

Die einen entmündigen Muslime im Namen eines patriarchalischen Gottes, die anderen, weil sie meinen, Kritik an unserer Religion sei zu kränkend für uns. Als seien wir Muslime nicht fähig, kritisch zu denken und uns von verkrusteten Traditionen zu lösen. Aber warum soll das, was anderen Religionen – dem Katholizismus, dem Protestantismus, dem Judentum – durch Kritik und Reform von innen und außen in der großen Mehrheit gelungen ist, nicht auch im Islam gelingen? Und warum erhalten wir dafür keine Solidarität von den Progressiven im Land?

Unser Ziel sollte eine Gesellschaft sein, deren Mitglieder ihr Handeln an unserer demokratischen Grundordnung orientieren. Sie sollen sich auf dieser Grundlage in ihrer Verschiedenheit anerkennen und Konflikte lösen – im Sinne einer Wertegemeinschaft, nicht einer Gesinnungsgemeinschaft. Man kann die Wirkung einer solchen symbolischen Übereinkunft auch für die emotional empfundene Zugehörigkeit zu unserem Land nicht überschätzen. Sie kann das Fundament sein, auf dem die umfassende Integration auch der Geflüchteten und ihrer Kinder in unsere Gesellschaft gelingen kann – eben nicht nur als Arbeitskräfte, sondern auch als Demokraten.

Worüber berichtet wird, das darf nicht politisch bestimmt werden, sondern auf der Grundlage des Grundgesetztes, sachlich, faktisch klar und ausgewogen. So muss ich als Kritiker islamistischer Strömungen akzeptieren, dass Leute nicht einverstanden sind und Gegenargumente vorbringen – solange die Kritik sachlich und ohne Bedrohung auftaucht. Ebenso müssen meine Kritiker akzeptieren, dass ich anderer Auffassung bin. Das ist demokratischer Diskurs. Spreche ich etwa von einer „Bringschuld“ der Migranten bei der Integration, dann äußere ich eine legitime Meinung. Ich bin bereit dazu, sie argumentativ, auch im verbalen Streit, zu verteidigen. Ich weise warnend hin auf Verbindungen zwischen autoritativen und patriarchalen Islamverständnissen, die dem Islamismus zugrunde liegen.

»Sprach- und Denktabus scheinen
stärker zu werden«

Basis meiner Warnung ist die Expertise, die ich aus dem Kontakt mit Radikalisierten gewinne, mit inhaftierten Gefährdern, mit Jugendlichen in vielen Institutionen, und nicht zuletzt die Lektüre tausender Posts, Blogs, Chats in sozialen Netzwerken, in denen auf Arabisch oder auf Deutsch gegen Demokratie gehetzt und zu Radikalisierung aufgerufen wird. Dass dies auch im Kontext mancher Moscheevereine hierzulande geschieht, betrachte ich als Hindernis für die Integration muslimisch geprägter Teile der Gesellschaft. Es bereitet mir Sorge.

Dabei sind es nicht allein erschreckende Ereignisse wie die Übergriffe auf weibliche Feiernde in der Kölner Silvesternacht vor zwei Jahren, die ich als Produkt frauenverachtender kultureller und teils auch religiöser Prägungen erkenne. Ich übe aktiv und proaktiv grundsätzliche Kritik an der defizitären Integrationspolitik im Land, in Europa. Und Positionen wie meine sind legitimer Teil des Diskurses. Sie bringen die Debatte weiter als die Verweigerung der Thematik bei denen, die muslimischen Kritikern wie mir »Islamfeindlichkeit« oder sogar »Rassismus« vorwerfen.

Was ich mir wünsche? Die Demokratiefähigkeit der politischen Gegner! Ich wünsche mir deren Bereitschaft, sich sachlich, argumentativ und reflektiert mit unseren Themen und Fragen auseinanderzusetzen. Ich wünsche mir, dass wir einander zuhören. Ich liebe die Freiheit des Wortes und der Debatte - Freiheit für mich wie für alle anderen. Darin liegt die Chance wie die Schönheit der Demokratie: Meinungsfreiheit. Derzeit scheint sie zerbrechlicher zu werden. Sprach- und Denktabus scheinen stärker zu werden in Zeiten »alternativer Fakten« und Fake News, die undifferenzierte Pauschalisierungen und Irreführungen produzieren.

 

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