Lamya Kaddor

KONTRA: ISLAM­KRI­TIK IST ZU OFT RAS­SIS­MUS

Lamya Kaddor ist Lehrerin, Islamwissenschaftlerin und Publizistin. Kaddor war Gründungsvorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes. (Illustration: Pil Tesdorpf)

Islamkritik hat in Deutschland Konjunktur. Doch manch ein Kritiker nutzt das Label, um darunter rassistische Thesen zu verbreiten. Dabei lässt sich konstruktive Kritik durchaus von Islamfeindlichkeit abgrenzen.

EIN KOMMENTAR Von Lamya Kaddor

Hinweis: Dieser Artikel ist Teil eines Pro- und Kontra-Formats. Ahmad Mansours Gegenposition "Der Islam braucht keinen Schutz" finden Sie hier.

Meinungsfreiheit ist eine Grundvoraussetzung für die Demokratie. Egal wie kritisch oder unfair eine Meinung ist: Eine institutionelle oder gar gewaltsame Unterdrückung darf es nicht geben. Das gilt selbstverständlich auch für Äußerungen zum Islam. Allerdings haben diejenigen, die öffentlich kritisieren, keinen Anspruch darauf, ohne Kritik an ihren Ausführungen zu bleiben. Meinungsfreiheit gilt auch für die Kritiker der Kritiker.

In der Vergangenheit gaben viele Islamkritiker Anlass zu kritischen Erwiderungen. In diesem Metier läuft einiges falsch. Manche nutzen das Etikett Islamkritik bloß, um ihren eigenen Chauvinismus oder gar Rassismus zu kaschieren oder um ihrem Aufmerksamkeitsdrang nachzugeben, beispielsweise wenn sie demagogische Vergleiche zwischen Islam und Aids oder Krebsgeschwüren ziehen, was hin und wieder vorkommt.

»RELIGIONS­KRITIK GILT ALS EHRENWERT»

Während die gruppenbezogene Abwertung von Menschen durch die breite Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt wird, gilt Religionskritik vielen spätestens seit Voltaire oder Nietzsche als ehrenwert für eine aufgeklärte Gesellschaft; dem ist auch zweifellos so. Folglich verstecken manche, die sich Islamkritiker nennen, ihre wahren Absichten dahinter. Sie sprechen nicht von »den« Muslimen, sondern von »dem« Islam, und nennen es Kritik an einer Religion.

Doch nehmen wir den Vergleich, der Islam wirke auf Deutschland wie Aids oder Krebs: Seine »tödliche Wirkung« könnte er nur über die Gläubigen entfalten. Eine Religion ist schließlich kein handelndes Subjekt. Die Abwertung von Menschengruppen erfolgt somit indirekt. Aufgabe einer kritischen Öffentlichkeit ist es, solche Strategien zu erkennen und aufzudecken.

Umgekehrt wird Islamkritik von manchen per se abgelehnt und als islamfeindlich diffamiert, weil man keine Kritik an der Religion dulden will. Das liegt auch daran, dass manche Gläubige sich schwer damit tun, ihre Ansichten und Verhaltensweisen hinterfragen zu lassen. Manche werden dahingehend erzogen, religiöse Aussagen und selbst Äußerungen von Imamen nicht zu hinterfragen. Glauben, «ohne nach dem Wie zu fragen« (arabisch: «bi-lâ kayf») – so lautet eine jahrhundertalte Maxime insbesondere für konservative Sunniten.

Hinzu kommt die Diasporasituation von Muslimen, die oft mit Identitätsfragen oder Ausgrenzungserfahrungen verbunden ist und ein Gefühl der Unsicherheit bewirkt. Bei kritischen Äußerungen über die eigene Gruppe verstärkt das mitunter die Abwehrreflexe, die bis hin zu Todesdrohungen gegen Islamkritiker und tätlichen Angriffen auf sie führen können. Das ist durch nichts zu rechtfertigen.

»NICHT IMMER IST DIE RELIGION DER URSPRUNG DER PROBLEME»

Es gibt unter Muslimen vieles zu kritisieren: Islamismus, ungleiche Geschlechterrollen, Abwertung von Andersgläubigen, theologische Unbeweglichkeit, verkrustete Religionspädagogik, fragwürdige Auslandsverbindungen. Doch nicht in allen Fällen ist die Religion der Ursprung für die Probleme. Oft wird sie von Muslimen dazu benutzt, profanere Absichten zu übertünchen. Religion wird in großen Teilen der islamischen Welt für sehr viel ehrwürdiger erachtet als Politik, die in dieser Region so oft korrumpiert und diktatorisch daherkommt. Politiker ebenso wie einfache Bürger kleiden ihr Handeln daher gern in ein religiöses Gewand.

Eine kritische Öffentlichkeit muss auch das erkennen. Für eine effektive Behebung von Missständen ist es nötig, Religion und Politik auseinanderzuhalten, damit sich Gegenmaßnahmen passgenauer zuschneiden lassen. Erschwert wird das beim Islam durch ein strukturelles Problem: eine unpräzise Sprache. Der Begriff »islamische Welt» etwa kann zum einen die religiösen Vorstellungen, die auf den Religionsstifter Mohammed im 7. Jahrhundert gründen und später theologisch weiterentwickelt wurden, bezeichnen. Zum anderen kann mit »islamischer Welt» die kulturelle, historische, wirtschaftliche und politische Gegebenheit eines bestimmten geographischen Raums gemeint sein, der Christen, Juden und andere nicht-muslimische Gruppen einbezieht. Im öffentlichen Diskurs ist nicht immer klar, wovon eigentlich die Rede ist.

Problematisch ist ferner der Begriff »Islam-ismus». Das verdeutlicht ein Vergleich: Wie im Islam gibt es im Christentum Politiker und Aktivisten, die brutalste Gewalt als Instrument zum Erreichen ihrer Ziele religiös legitimieren: die »Widerstandsarmee des Herrn» (LRA) um den Warlord Joseph Kony in Uganda oder die Anti-Balaka in der Zentralafrikanischen Republik. Dennoch spricht niemand von »Christentum-ismus». Obwohl in beiden Fällen Machtstreben religiös verbrämt wird, ist nur der »Islam» integraler Bestandteil des kennzeichnenden Terminus, während die Bezüge zum Christentum erst durch Attribute erzeugt werden müssen.

»ISLAMKRITIK LÄSST SICH DURCHAUS VON ISLAM­FEIND­LICH­KEIT ABGRENZEN»

Islamkritik kann nun ein paar Kriterien erfüllen, um sich der Islamfeindlichkeit weniger verdächtig zu machen. Das wichtigste Werkzeug ist Differenzierung. Ein real existierendes, komplexes System wie eine jahrhundertealte Religion mit mehr als einer Milliarde Anhängern unterschiedlichster Prägung und unterschiedlichster Provenienz und ohne eine zentrale Führung kann nicht pauschal beurteilt werden. Echt – sprich konstruktiv – kann Islamkritik nur sein, wenn sie sich mit Teilbereichen befasst. Das können Aspekte islamischer Lehre oder des gelebten Glaubens sein oder Kritik, die geografisch oder historisch eingegrenzt ist.

Pauschal kann man eine Religion nur ablehnen, weil man zum Beispiel einer anderen angehört oder den Glauben an göttliche Macht negiert. Daran gibt es nichts auszusetzen. Wer jedoch eine solche persönliche Einstellung politisiert oder damit agitiert, muss sich zumindest im Klaren darüber sein, dass er oder sie nicht unwidersprochen bleiben wird. Die öffentlich bekundete pauschale Ablehnung einer Religion oder Weltanschauung hat stets das Potenzial, Gesellschaftskonflikte zu schüren und Unfrieden zu stiften.

Davon abgesehen müssen sich Islamkritiker auf Widerspruch einstellen, wenn sie ohne sachliche Argumente bleiben und persönliche Beleidigungen oder Diffamierungen verbreiten. Dann handelt es sich bestenfalls noch um Polemik. Für redliche Kritik sind zudem falsche Behauptungen tabu. Halbwahrheiten sind nicht tragbar. Übertreibungen von Problemlagen sind inakzeptabel. Einzelphänomene lassen sich nicht ohne fundierte Begründung auf das Allgemeine übertragen.

Wer öffentlich Kritik an einer sozialen Gruppe, einer Religion oder Weltanschauung üben will, sollte diese Prämissen befolgen. Nur so lässt sich Sachlichkeit und Objektivität anstreben. Je häufiger dagegen verstoßen wird, desto mehr Opposition wird es geben. Eine plurale Gesellschaft, die Interesse an einem friedlichen Zusammenleben hat, ist dann zum Handeln gezwungen. Sie muss die falschen »Kritiker» im Diskurs stellen. Eine inhaltliche Auseinandersetzung allein mit ihren Argumenten, ohne ihre Absichten und Vorgehensweisen zu hinterfragen, reicht dazu nicht immer aus.

 

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