»KEILANI VERKENNT DIE RASSIS­TISCHEN STRUKTUREN, IN DENEN AUCH SIE SICH BEWEGT«

ALS BIPOC IM WEIßEN KULTURJOURNALISMUS

DER HASS IM NETZ TRIFFT OFT MINDER­HEITEN. WIE ZWEI SOCIAL-MEDIA-REDAKTEU­RINNEN DAMIT UMGEHEN

FÜR VIELFALT IN DEN MEDIEN 

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»DIE KLASSISCHE MIGRANTISCHE AUFSTIEGSGESCHICHTE, DIE VIELE MEDIEN ERZÄHLEN, IST PROBLEMATISCH«

EIN INTERVIEW MIT JURI WASENMÜLLER

Juri Wasenmüller spricht mit Lisa-Maria Brusius (BLIQ) über die Hürden für migrantische Journalist:innen durch Klassismus und Rassismus, inwiefern Ungleichheit durch Klasse auch unter migrantischen Kolleg:innen eine Rolle spielt und wie diese Ausschlussmechanismen die Konkurrenz verschärfen. Sonst schreibt Juri als freie:r Autor:in und Kolumnist:in über Queerfeminismus, Klasse und postsowjetische Migration. Im Sammelband Solidarisch gegen Klassismus (Unrast) erschien dazu der Beitrag »Migrantische Selbstorganisation gegen Klassismus und Rassismus«. Auf Twitter und Instagram ist Juri unter @ju_wasn zu finden. (Foto: Nils Lucas) BLIQ: Bei der Vorbereitung unserer Ausgabe zum Thema Klassismus und Rassismus in Medien war es schwierig, Autor:innen zu finden. Würdest du sagen, das Thema wird bisher zu wenig diskutiert?


Juri Wasenmüller: Das liegt vielleicht daran, dass Leute, die von beiden Diskriminierungsstrukturen betroffen sind, oft keine Journalist:innen sind – aus Gründen. Bei den linken und feministischen Medien, für die ich meistens arbeite, gibt es zwar oft den Anspruch einer diversen Autor:innenschaft, allerdings wird dort aber auch am schlechtesten bezahlt. Die Arbeitsbedingungen sind so prekär, dass sich das nur bestimmte Leute erlauben können. Ich selbst zum Beispiel habe oft das Gefühl, nicht die richtigen Voraussetzungen für einen Job mit diesen Rahmenbedingungen zu erfüllen, weil es schlichtweg nicht existenzsichernd ist.


Gibt es noch andere Gründe?


Es ist eine Entscheidung, öffentlich über den eigenen Klassenhintergrund und/oder die Migrationsgeschichte zu sprechen oder zu schreiben. Einerseits sind diese Geschichten für viele Menschen schambesetzt, andererseits macht man sich auch angreifbar.


Ich finde es selbst total schwierig zu entscheiden, was ich öffentlich erzähle. Diese klassische bewegende migrantische Aufstiegsgeschichte – die viele Medien und die Dominanzgesellschaft hören wollen – ist problematisch und ich ärgere mich, wenn ich mich in manchen Situationen doch gezwungen fühle sie zu performen – zum Beispiel bei Stipendienbewerbungen. Die vielen strukturellen Hürden, die Konflikte und der persönliche Schmerz dieser »Aufstiegsgeschichten« werden dabei meist nicht auserzählt. Es sind harmonisierende Geschichten und was öffentlich hängen bleibt ist: »Wenn du hart genug arbeitest, dann kannst du es auch schaffen«. Das stimmt natürlich so nicht und die vielen Erfahrungen von Menschen, die aufgrund fehlender Zugänge nicht auf Podien sitzen und in Zeitungen schreiben, werden weiter unsichtbar gemacht.

Thematisieren Betroffene ihre rassistischen Diskriminierungserfahrungen eher öffentlich als ihre klassistischen?

Das würde ich so nicht sagen, aber ich habe manchmal das Gefühl, dass Prekarität und kapitalistische Ausbeutung so stark eingeschrieben sind in die Lebensrealität von migrantischen und BPoC Communities, dass der Klassismus-Begriff vielleicht nicht nochmal so explizit herausgestellt wird. Die Class-Erfahrung geht Hand in Hand mit Rassismuserfahrungen und Migrationsgeschichten. Meine Erfahrung von Klassismus hängt zum Beispiel ganz klar mit meiner Migrationsgeschichte zusammen: einerseits kein Geld zu haben und andererseits die kulturellen Codes nicht zu checken, die man sich aneignen muss, um in die Dominanzgesellschaft zu passen.

Du hast in unserem Vorgespräch auch von Klassismus unter migrantischen Kolleg:innen gesprochen...

Ja, ich würde sagen, es gibt grundsätzlich zwei Ebenen: zum einen die dominanzgesellschaftliche Ebene, auf der Migrant:innen per se klassistisch abgewertet werden, wenn beispielsweise Abschlüsse nicht anerkannt werden oder sie in Jobs arbeiten müssen, die viel prekärer sind als die, die sie in ihren Herkunftsländern hatten, oder wenn Leute Ärzt:innen sind und sie aufgrund rassistischer Bilder doch immer für »die Krankenschwester« gehalten werden.

Zum anderen gibt es eine weitere Ebene innerhalb migrantischer Gruppen. Es hat was mit Klassenpositionen zu tun, wer welches kulturelle Kapital in den Herkunftsländern hat, also Zugänge und Netzwerke zu Politik oder der kulturellen Szene und wer dann wiederum in Deutschland öffentliche Expert:innenrollen zu diesen Kontexten einnehmen kann. Auch wie Sprache und welches Wissen zwischen den Generationen weitergegeben wird, hat mit Class zu tun. Ich wohne gerade in St. Petersburg und mir fällt auf, dass das Bild, das Menschen in Deutschland vom postsowjetischen Raum haben, sich meist auf die westlichen Metropolen mit ihren Museen, der Kultur und Literatur bezieht. Die Lebensrealität meiner Familie spielte sich in Kasachstan auf dem Land ab, was mit diesen dominanten und russlandzentrierten Bildern wenig zu tun hat. Sich dann in Deutschland in der Medienbranche eine Expert:innenposition zu diesem ganzen Raum zuzutrauen ist aus meiner Position eine andere Nummer, wenn meine Familie auch in der Sowjetunion nur begrenzte Zugänge zu jenem Wissen hatte, dass als Expert:innenwissen anerkannt wird.


Das Themenfeld postsowjetische Migration haben wir bei BLIQ noch nicht oft diskutiert. Ist es Zufall, dass es nun beim Thema Klassismus besonders präsent wird? Ich glaube, dass bei euch das Thema nicht so oft dran war, hängt nicht kausal mit der Frage nach Klassismus zusammen. Der ist bei postsowjetischen Migrant:innen nicht per se präsenter als bei anderen migrantischen Communities. Ich vermute eher, dass postsowjetische Migrant:innen in migrantischer Selbstorganisation oder in migrantischen Diskussionen nicht so oft teilhaben. Sie haben eine Art Sonderrolle in der deutschen Migrationsgesellschaft. In meinem Beitrag im Band Solidarisch gegen Klassismus ist die These, dass es eine Möglichkeit zu solidarischen Allianzen mit anderen migrantischen Gruppen wäre, wenn postsowjetische Migrant:innen ihre soziale Herkunft anschauen würden und ihr prekäres Beschäftigtsein mit ihrer Migrantionsgeschichte in Verbindung bringen würden.


Was meinst du mit der Sonderrolle postsowjetischer Migrant:innen? Die Aufnahmebedingungen postsowjetischer Migrant:innen waren besondere im Vergleich zu anderen migrantischen Gruppen. Es gibt oft den Vorwurf der »privilegierten Migration«, was sie in mancherlei Hinsicht auch war. Gleichzeitig bedeutet das nicht, dass postsowjetische Migrant:innen nicht trotzdem teilweise ganz ähnliche Lebensrealitäten hatten wie andere migrantische Gruppen, wenn zum Beispiel ihre Abschlüsse nicht anerkannt wurden und sie in ähnlich prekären Jobs arbeiteten wie andere Migrant:innen. Inwiefern waren die postsowjetischen Migrant:innen privilegiert? Einerseits geht es um die gesetzlichen Einreisebedingungen: Bei den Spätaussiedler:innen griff das Bundesvertriebenengesetz aus der Nachkriegszeit; Jüd:innen aus der ehemaligen Sowjetunion kamen im Rahmen des Kontingentflüchtlingsgesetzes. Beide Gruppen bekamen einen festen Aufenthaltsstatus, (Spät)-Aussiedler:innen sogar direkt die deutsche Staatsbürgerschaft. Heute geht es in migrantischen Bündnissen aber auch viel um die Frage von Weißsein und white passing, also als weiß durchzugehen. Ich glaube, dass viele postsowjetische Migrant:innen das Angebot des Weißseins von der Dominanzgesesellschaft angenommen haben und sich von anderen migrantischen Gruppen abgrenzen. Das führt zu Entsolidarisierungen. Ich erlebe, dass aktuell und gerade in der zweiten Generation viele postsowjetische Migrant:innen das fehlende Zugehörigkeitsgefühl zu migrantischen Räumen hinterfragen, weil sie merken, dass es – obwohl wir vielleicht white passen – von politischen Konjunkturen abhängt, ob wir als »die Mustermigrant:innen« geframed werden oder nicht. Die Bilder über uns kippen ganz schnell in klassistische und antislawische Bilder von »den kriminellen, saufenden Russen«. Das hat eine stark gegenderte Komponente, die z.B. stereotype Bilder von postsowjetischen Frauen bis hin zu Slut-Shaming hervorbringt. Dabei spielt auch die Diskussion um Begriffe eine wichtige Rolle, insbesondere die Frage, ob das, was postsowjetische Migrant:innen erleben, antislawischer Rassismus ist. Es gibt gerade mehr Öffentlichkeit für diese Debatte und verschiedene Wissenschaftler:innen und Journalist:innen verweisen darauf, dass es im Nationalsozialismus mit dem Generalplan Ost ganz klar koloniale Vorstellungen eines »für die Deutschen frei verfügbaren Raums im Osten« gab, bis hin zu der Idee, Slaw:innen als Untermenschen zu bezeichnen. Die Debatte um den Begriff des antislawischen Rassismus ist auch eine emotionale, weil sie die Frage aufwirft, wie zugehörig sich postsowjetische Migrant:innen mit ihrer spezifischen Geschichte und Erfahrung in antirassistischen Räumen fühlen (können). Dabei geht es mir nicht um die vielbenutzte und problematische Idee der sogenannten »Opferkonkurrenz«. Oft fällt dabei auch hinten runter, dass nicht alle postsowjetischen Migrant:innen weiß sind oder white passen – postsowjetische Migrationsgeschichten sind viel diverser was geographische, kulturelle und religiöse Backgrounds angeht. Du sagst, es braucht eine strategisch-pragmatische Allianz migrantischer Gruppen? Um die Frage mal zurück auf das Medienthema zu beziehen: Die Schwierigkeit ist, dass die öffentlichen Sprechpositionen für migrantische und BPoC-Personen in Deutschland so begrenzt sind. Es gibt dann die drei »Diversity-Stellen«, auf die sich alle bewerben können. Das kreiert eine krasse Konkurrenz innerhalb marginalisierter Gruppen. Im diversified capitalism ist das eine zentrale Frage: Wie damit umgehen, dass uns nur so begrenzte Sprechrollen zugestanden werden und man automatisch mit den Leuten, mit denen man eigentlich solidarisch ist, in Konkurrenz gesetzt wird? Das bringt uns in die Situation, Erfahrungen und Identitäten herausstellen zu müssen, um in dieser Konkurrenz zu bestehen. Eigentlich müsste sich aber strukturell etwas verändern, damit viel mehr Menschen diese Zugänge bekommen. Auch innerhalb der Linken und in linken Medien sind Klassenkampf und der Klassismusbegriff ein Streitthema. Für den dabei oft bemühten Vorwurf der »Identitätspolitik« gab es diesen Herbst sogar eine goldene Kartoffel von den Neuen deutschen Medienmacher*innen... Als du das Thema in deiner Anfrage erwähnt hast, dachte ich erst »not again«. Der Begriff »Identitätspolitik« ist so aufgeladen, kann alles mögliche bedeuten und wird meist als Totschlagargument benutzt. Dabei wird oft keine inhaltliche Diskussion geführt, sondern sich aufgrund von Positionierung gegenseitig die Expertise abgesprochen. Ich finde es ehrlich gesagt total unverschämt, wenn in Redaktionen aus einer super privilegierten Position den Kolleg:innen, die am ehesten vom Kapitalismus ausgebeutet sind, vorgeworfen wird, sie würden Kapitalismus nicht verstehen. Als ob Journalist:innen, die sich so hart abarbeiten mussten, um da zu sein, wo sie sind, das nicht checken würden. Was mich an der Klassenkampffrage interessiert, sind wirklich nicht irgendwelche Altlinken, die scheinbar klassenkämpferischer sind als alle Anderen, sondern zum Beispiel: Warum finden in der Arbeiter:innengeschichte in Deutschland migrantische Streikbewegungen so wenig Erwähnung? Dass was beispielsweise bei Gorillas passiert, ist eingeschrieben in wilde migrantische Streiks, die es in Deutschland seit den 70ern gibt. Warum gibt es da so wenig Verweise auf Kontinuitäten zu den wilden Streiks türkeistämmiger Arbeitnehmer:innen bei Ford, die von Gewerkschaften nicht unterstützt wurden und die dann eine Niederlage erlitten, weil sie die deutsche Belegschaft nicht auf ihre Seite ziehen konnten? Warum wird eher Energie darauf verwendet, im Namen des Klassenkampfs gegen junge Migrant:innen in der eigenen Redaktion zu haten, statt zu fragen, wie wir zum Beispiel unsere Bilder von »Arbeiter:innen« revidieren müssen? Ich glaube viele haben immer noch den weißen männlichen Arbeiter nach Marx in einer Fabrik im 19. Jahrhundert im Kopf. Hast du konkrete Vorschläge, was man gegen Klassismus und Rassismus in Medienhäusern tun kann? Ich habe tatsächlich nur für eher linke Blätter gearbeitet und da ist ein großes Problem die Bezahlung. Das sind keine News. Alle wissen, dass bestimmte Leute, die ein Erbe im Rücken haben, sich leisten können, über Jahre für so ein Gehalt zu arbeiten. Bei Menschen aus migrantischen Familien hängt aber noch so vieles dran: Es gibt die Eltern, die man im Alter finanzieren muss, dann die ewigen Schuldgefühle zwischen den Generationen, von »Aus dir muss was werden« zu »Du musst jetzt alles machen, was wir nie machen konnten«. Auch das wurde schon tausendmal thematisiert. Da verstehe ich richtig gut, dass Leute – wenn sie studieren können – sich eher entscheiden, was »Richtiges« zu studieren, statt in der unsicheren Medienbranche unterwegs zu sein. Und dann wirken strukturelle Rassismen natürlich auch bei der Frage, wem welche Expertise zugestanden wird und welches Wissen etwas wert ist. Was wird in Deutschland beispielsweise als Allgemeinbildung betrachtet? Ich war nie an einer Journalist:innenschule, aber wenn ich mir diese Fragen in Aufnahmetests ansehe – so was wie »Was haben irgendwelche SPD-Politiker in den 60ern gesagt?«. How can you know, wenn deine Familie vor zwanzig Jahren hier ankam? Ich habe das Gefühl, das ist noch zu viel geprägt von »deutscher Leitkultur«.