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BERICHTERSTATTUNG, DIE VERLETZT

ANTISLAWISCHE GEWALT– EIN BLICK AUF DIE MEDIALE BERICHTERSTATTUNG IN DEUTSCHLAND

LIEBE TAGESSCHAU, DAS IST EIN FEMIZID

FÜR VIELFALT IN DEN MEDIEN 

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BERICHTERSTATTUNG, DIE VERLETZT

Angstmache, Misstrauen, schrille Debatten: Subtiler antimuslimischer Rassismus ist allgegenwärtig in der deutschen Berichterstattung. Die Gewalt in der Sprache bleibt dabei oft unerkannt und wird in ihrer Wirkung unterschätzt. Unser Gastautor Atahan Demirel hat die angehende Islamwissenschaftlerin Sinem Öktem getroffen. Sie forscht zu subtilem antimuslimischen Rassismus in der Berichterstattung deutschsprachiger Medien und ihre Forschung zeigt: Auch wenn die Gewalt nicht bewusst ausgeübt wird, hat sie ernste Folgen.


»Terrorismus – und es hat doch mit dem Islam zu tun«, liest Sinem Öktem leise auf ihrem Laptopbildschirm und dreht ihren Kopf sichtlich verärgert zur Seite. An diesem lauwarmen Oktobertag sitzt sie in der Ecke eines Cafés in der Frankfurter Innenstadt. Mit einer schnellen Handbewegung schnappt sie ihren Chai-Latte und schlürft energisch davon. Dann schaut sie auf und sagt mit einer entmutigten Miene: »Das Schlimme daran ist, dass diese Überschrift nicht irgendwo steht, sondern in einer der reichweitenstärksten deutschen Tageszeitungen«. Die Überschrift steht auf der Website von Die Welt.


Öktem ist angehende Islamwissenschaftlerin und befindet sich in der Recherchephase für ihre Masterarbeit, in der sie subtilen antimuslimischen Rassismus thematisieren möchte. Konkret versteht man unter subtilem Rassismus das Reproduzieren von Vorurteilen und herabwürdigenden Konnotationen, also Wörtern, die über ihre tatsächliche Bedeutung hinaus negativ aufgeladen sind. Diese lassen sich beispielsweise in Karikaturen oder Beschreibungen wiederfinden. In ihrer Arbeit will Öktem insbesondere antimuslimische Ressentiments beleuchten, die im Alltag und in der Berichterstattung vorherrschen.


GEWALT IN DER ALLTAGSSPRACHE

Sprachliche Anfeindungen in alltäglichen Situationen stellen für Betroffene gewaltvolle Erfahrungen dar. Der Philosophietheoretiker Burkhard Liebsch bezeichnet Gewalt in der Sprache als »subtile Gewalt«. In seinem Buch Subtile Gewalt: Spielräume sprachlicher Verletzbarkeit erklärt Liebsch, subtile Gewalt sei durch ihre Raffiniertheit im Gebrauch kaum mehr als Gewalt zu erkennen. Dabei kann diese sowohl bewusst als auch unbewusst ausgeübt werden.


Auf Öktems Handy ploppen nun mehrere Nachrichten auf, woraufhin sie es vom Cafétisch nimmt und anfängt konzentriert zu tippen. »Ich muss bald los«, erwähnt sie kurz und nickt in Richtung Ausgang. Öktem will sich danach mit einer Gruppe von weiteren jungen Menschen treffen, um eine Kundgebung zum rassistischen Anschlag in Hanau zu planen. Für sie war das Attentat am 19. Februar 2020 ein gewaltiger Schock, auch weil sie aus Hanau kommt.


»Die Gewalt in Hanau ist nur die Spitze des Eisberges. Alltagsrassismus und subtile Ressentiments müssen auch vehement bekämpft werden. Die Medienlandschaft spielt dabei eine wesentliche Rolle.« Öktem zufolge ist dem rassistischen Anschlag eine aggressive und emotional aufgeladene Debatte vorausgegangen, bei der despektierliche Schlagworte in den Medien den Diskurs mitbestimmten.


SICH »VOM ANDEREN HER BELEHREN LASSEN«

Der Wissenschaftler Liebsch beschreibt in seinem Buch, dass subtiler Gewalt entgegengewirkt werden könne. Im Grunde gehe es darum, dort zu sensibilisieren, wo diese Gewalt in der Sprache nicht eindeutig wahrgenommen werde. Niemand bringe von Natur aus diese Sensibilität mit, so Liebsch. Journalist:innen sollten darauf achten, subtile Gewalt zu erkennen und zu vermeiden. Dazu gehöre es laut Liebsch, sich »über sie vom Anderen her belehren zu lassen«.


Bevor sich Öktem auf den Weg macht, klappt sie ihren Laptop auf, um einige ihrer Rechercheergebnisse zu präsentieren. Auf ihrem Browser sind mehrere Tabs offen, die sie nacheinander anklickt. Auf den Seiten sind Artikel von bekannten journalistischen Medien in Deutschland zu sehen.

Mit einem genervten Gesichtsausdruck liest sie leise einen Titel vor: »Der Club der woken Islam-Verharmloser*innen«. Es geht um einen Artikel des Magazins Cicero, in dem die Autorin den Islam und somit alle Muslim:innen im Prinzip pauschal als frauenfeindlich bezeichnet. Für Öktem sei diese Verallgemeinerung faktisch falsch und übe eben genannte subtile Gewalt aus: »Ich fühle mich persönlich angegriffen«, erklärt die Hanauerin.


Bei ihrer Medienrecherche erfährt Sinem Öktem immer wieder selbst subtile Gewalt, weil sie auf journalistische Beiträge stößt, in denen diskriminierende Sprache verwendet wird. »Diese Recherche belastet mich schon ziemlich«, sagt sie. Diese subtile Gewalt kann in Form von Rassismus den Nährboden für tödliche Anschläge wie in Hanau bereiten. Sie ruft aber auch Ausgrenzungsgefühle bei Betroffenen hervor.


DIE MACHT, ANDERE NACH IHRER ZUGEHÖRIGKEIT ZU BEFRAGEN

Shirin Amir-Moazami, Professorin am Institut für Islamwissenschaften an der Freien Universität Berlin, beschäftigt sich in ihrem Buch Interrogating Muslims (dt.: Muslim:innen befragen) mit subtilen Mechanismen von Ausgrenzung: »Muslim:innen werden als Minderheit immer wieder nach ihren Praktiken und ihrer Kompatibilität mit den liberalen Normen befragt«, schreibt sie. Dabei wiesen diese Fragestellungen subtile Machtmechanismen auf, die zu Ausgrenzung sowie Othering führen können und auf den ersten Blick nicht sofort erkennbar seien. Ein Beispiel hierfür ist etwa die seit Jahren immer wieder aufkommende Kopftuchdebatte.


Für Sinem Öktem spielt Othering, also das »anders machen« und sich distanzieren von einer Gruppe, auch in ihrer Masterarbeit eine große Rolle: »Als Muslima erfahre ich wegen meiner Religion öfter Othering. Obwohl ich mich deutsch fühle und ein Teil dieses Landes bin, werde ich als andersartig sowie fremd klassifiziert«, kritisiert sie.


Dann zeigt sie einen Bild-Artikel mit der Überschrift »Unions-Fraktionschef sorgt für Paukenschlag – Brinkhaus kann sich Muslim als CDU-Kanzler vorstellen« und schüttelt den Kopf. »Genau solche Artikel führen dazu, dass sich Muslim*innen nicht zugehörig fühlen. Warum sollte eine muslimische Person nicht auch Kanzler:in werden können, wenn sie gute Politik betreibt und die richtigen Werte vertritt?«



ZUR PERSON


Atahan Demirel ist freier Journalist aus Stuttgart. Er schreibt insbesondere über Belange, die mit Vielfalt, Antirassismus und Steuergerechtigkeit zu tun haben. Als Kind türkischer Arbeitseinwander:innen weiß er, dass diskriminierende Strukturen zu hohen Belastungen führen können.

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