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LIEBE TAGESSCHAU, DAS IST EIN FEMIZID

»WER ROSTOCK SAGT, KANN ÜBER DIE WEITERE SPEKTAKULARISIERUNG VON RASSISMUS NICHT SCHWEIGEN«

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FÜR VIELFALT IN DEN MEDIEN 

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LIEBE TAGESSCHAU, DAS IST EIN FEMIZID

Am 16. September 2022 starb Jina Mahsa Amini nach einer Festnahme durch die iranische Sittenpolizei. Während im Iran kurz darauf Proteste begannen, erhielt der Fall in deutschen Medien zunächst wenig Aufmerksamkeit. Und selbst als sich das änderte, fehlten klare Worte, beobachtete unsere Gastautorin Hatice Açıkgöz. Warum das fatal ist, hat sie für BLIQ aufgeschrieben.


»Der Aufschrei bleibt aus«. Dieser Satz begegnet mir immer wieder. Er wurde zum Beispiel in sozialen Medien verwendet, als im Januar 2022 in Halle auf eine Moschee geschossen wurde, der Täter einfach davonkam und deutsche Medien versäumten, ausführlich darüber zu berichten. Generell bleibt der Aufschrei meistens aus, wenn politische Dinge passieren, die rassifizierte Menschen betreffen, insbesondere Frauen. Dann üben sich Journalist:innen in emotionsloser Distanz und Neutralität. Diese vermeintlich neutrale Berichterstattung verharmlost häufig Gewalt gegen marginalisierte Menschen und schützt Täter:innen.


Diesen September fehlte wieder ein Aufschrei: der deutscher Medien über die Tötung der 22-jährigen Kurdin Jina Mahsa Amini. Sie starb am 16. September 2022, nachdem sie drei Tage zuvor von der iranischen Sittenpolizei wegen eines »falsch getragenen« Hidschabs festgenommen und wenige Stunden später in eine Klinik eingewiesen werden musste. Die iranische Gerichtsmedizin behauptet, eine organische Vorerkrankung sei die Todesursache gewesen. Aminis Familie bestreitet diese Vorerkrankung.


In sachlichem, neutralen Ton vermeldete die ARD-Tagesschau zwei Tage nach dem Vorfall einen »Tod nach Festnahme durch Sittenpolizei im Iran«. Auch drei Wochen später, nachdem selbst das EU-Parlament am 6. Oktober den Tod Aminis als »tragischen Mord« eingestuft hatte, änderte die Tagesschau die Formulierung in den schriftlichen Meldungen auf tagesschau.de nicht grundlegend. Vermieden wird das Wort »Tötung«. Versäumt wird der Begriff »Femizid«.


JOURNALISTISCHE SORGFALT ODER »FALSE BALANCE«

Als einen »staatlichen Femizid« hatte der deutsche Juristinnenbund e.V. die Tat schon am 23. September eingestuft. Ein Femizid ist laut dem europäischen Institut für Gleichstellung ein Begriff für eine »von privaten und öffentlichen Akteuren begangene oder tolerierte Tötung von Frauen und Mädchen wegen ihres Geschlechts«. Dazu gehöre zum Beispiel das Töten von Frauen in Partnerschaften, durch Folter oder im Namen der »Ehre«. Der parallel verwendete Begriff »Feminizid« stelle speziell die Verantwortung von Staaten in den Vordergrund und weise auf das »Element der Straflosigkeit und institutionellen Gewalt angesichts der mangelnden Rechenschaftspflicht« hin.


Wahrscheinlich spielt in der Berichterstattung der Tagesschau das Ideal journalistischer Sorgfalt eine Rolle. Vielleicht ist es aber auch schlichtweg das, was man »false balance« nennt, falsche Ausgewogenheit. Denn wie viel Raum und Glaubwürdigkeit kann einem Regime geschenkt werden, das offensichtlich systematisch den Informationsfluss unterdrückt und manipuliert, beispielsweise durch das Abstellen des Internets?


Klar ist: Die Festnahme und Aminis Tod stehen in einem unmittelbaren zeitlichen und höchstwahrscheinlich kausalen Zusammenhang. Es handelt sich also um einen Femizid, der von der Sittenpolizei durchgeführt, mindestens aber von ihr mit ausgelöst wurde – von Männern, die bestimmen wollen, wie Frauen sich kleiden und wie sie ihr Leben führen, Männern, die eine bestimmte Wertvorstellung davon haben, wie Frauen zu sein haben. Klar ist: Amini wurde festgenommen, weil sie eine Frau war, und sie starb in Gewahrsam. Amini wurde festgenommen, weil sie eine Frau war, und erlitt in Gewahrsam Verletzungen mit Todesfolge.


PATRIARCHALE GEWALT BENENNEN

Diese brutale Macht von Männern über Frauen ist tief im iranischen System verankert – sie ist nicht »tragisch«, wie es das EU-Parlament nennt, sondern vorprogrammiert. Allein dass es eine Sittenpolizei gibt, zeigt: Patriarchale Gewalt verletzt und tötet Frauen, weil sie Frauen sind. Bereits seit 1979 gelten im Iran strenge Vorschriften für Frauen. Die Sittenpolizei ist dafür zuständig zu kontrollieren, ob sich die Frauen und Mädchen, die im Iran leben, an diese Vorschriften halten. Diese spezielle Polizei ist befugt, Frauen auf der Straße anzuhalten und ihr Aussehen zu überprüfen. Sie kontrolliert, wie viele Haarsträhnen aus dem Hidschab hervorstechen, wie lang die Kleidung oder wie stark eine Frau geschminkt ist. Hält man sich nicht an die vorgegebenen Regeln, drohen willkürliche Gewalt oder gar Folter.


Obwohl Femizide durch die iranische Sittenpolizei systematisch in Kauf genommen werden, spricht die Tagesschau von »Tod«, als hätte es jede:n treffen können. Bei der Suche nach dem Wort Femizid auf tagesschau.de tauchen genau sechs Meldungen auf. Dabei wird in Deutschland mindestens jeden dritten Tag ein Femizid verübt. Nur zwei dieser Artikel liefern Erklärungen, was ein Femizid ist und verlangen, die Taten auch als solche zu benennen (Artikel 1, Artikel 2).


Wie die Arbeit des Vereins Gender Equality Media e.V. zeigt, gehören Formulierungen wie »Familiendrama« oder »Ehekrach« als verharmlosende Ersatzbegriffe für Femizid auch jenseits der Tageschau zur Norm in der deutschen Berichterstattung. Die Femizid-Karte des Vereins offenbart, dass im Jahr 2020 mehr als neun von zehn untersuchten Artikeln Gewalt an Frauen sprachlich herunterspielten.


Wieso möchten Medien diese Morde, die explizit an Frauen verübt werden, nicht so benennen? Wie sachlich und objektiv ist journalistische Neutralität, wenn sie immer wieder Täter:innen statt Opfer in Schutz nimmt? Was im Iran und auch anderswo geschieht, sind Femizide. Vor allem junge Frauen sind dem Regime ein Dorn im Auge und mittlerweile gibt es unzählige Jinas. Die ungeschönte Benennung der Gewalt an diesen Frauen wäre ein erster Schritt zum Aufschrei.



Gefördert durch das Zentrum für internationale Kulturelle Bildung (Goethe-Institut Hamburg)





ZUR PERSON

Hatice Açıkgöz, Autorin
Foto: Jenny Schäfer

Hatice Açıkgöz lebt in Hamburg und arbeitet als freie Autorin, Künstlerin und Redakteurin. Veröffentlicht hat sie bereits in Literaturzeitschriften wie „literarische diverse“, „schnipsel“, „transcodiert“ u.a. 2022 erschien ihre Kurzgeschichte „ein oktopus hat drei herzen“ im Sukultur Verlag. Nun erscheint im w_Orten & meer Verlag ihr Lyrikdebüt „fancy immigrantin – ein poetisches tagebuch“. Neben literarischen Texten schreibt sie auch Artikel und Kolumnen für die taz und der Freitag.

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