»KEILANI VERKENNT DIE RASSIS­TISCHEN STRUKTUREN, IN DENEN AUCH SIE SICH BEWEGT«

ALS BIPOC IM WEIßEN KULTURJOURNALISMUS

DER HASS IM NETZ TRIFFT OFT MINDER­HEITEN. WIE ZWEI SOCIAL-MEDIA-REDAKTEU­RINNEN DAMIT UMGEHEN

FÜR VIELFALT IN DEN MEDIEN 

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»WER ROSTOCK SAGT, KANN ÜBER DIE WEITERE SPEKTAKULARISIERUNG VON RASSISMUS NICHT SCHWEIGEN«

EIN INTERVIEW MIT SIMIN JAWABREH VON CARLOS HANKE BARAJAS


30 Jahre ist das rassistische Pogrom in Rostock-Lichtenhagen her. Der Jahrestag wirft die Frage auf, welche Rolle die Berichterstattung damals spielte und was sich seitdem verändert hat. Gastautor Carlos Hanke Barajas hat darüber mit der Aktivistin Simin Jawabreh, auf Social Media auch bekannt als »Professionelle Krawallbarbie«, gesprochen. Im Rahmen ihres Politikwissenschaftstudiums hat sie sich die Berichterstattung rund um das Pogrom genau angeschaut. Im Interview spricht sie außerdem über das Verhältnis von Polizeiarbeit und journalistischer Darstellung und über die Rolle von Medien bei der Eskalation rechtsextremer Gewalt.


BLIQ: Das rechtsextreme Pogrom auf das »Sonnenblumenhaus« in Rostock Lichtenhagen war diesen August 30 Jahre her. In einer Analyse im Rahmen deines Studiums hast du dich mit der darauf folgenden Berichterstattung beschäftigt. Wie haben Medien die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZAst), die sich im Sonnenblumenhaus befand, damals dargestellt?

Simin Jawabreh: In der Frankfurter Rundschau wurde noch während der Pogrome am 25. August 1992 ein Anwohner zitiert, der vorschlug die ZAst einfach zuzubetonieren: »zumauern den ganzen Block und einen Betondeckel drauf, bis sie da drinnen ersticken«. Die Bild schrieb am selben Tag »das sind keine Menschen, das sind Schweine«. Sie interviewte auch Rechtsextreme und machte eine »bewegende« Titelstory mit der Headline »warum wir Steine werfen«. Die B.Z. berichtete ebenfalls am 25. August über einen der Anwohner in Lichtenhagen: »Apy ist sich sicher, dass solche Leute auf dem Rasen bumsen und im Supermarkt in die Regale pissen. Gesehen hat Apy das nicht – braucht er aber auch nicht.« Am Tag der Evakuierung am 24. August hieß es in der Ostseezeitung: »Wer die Schuld daran trug? Nennen muss man natürlich die Ausländer, die durch ihr Verhalten in den vergangenen Monaten die Nerven der Einwohner bis aufs Äußerste reizten.« Gerade in den Lokalblättern wurden Stimmen abgedruckt, die zu direkter Gewalt aufriefen.

Wie wurde die Gewalt in der Berichterstattung gerechtfertigt?

Es geht hier nicht um ein Lesen zwischen den Zeilen, sondern um ganz klare Gewaltmanifeste. Überregional wie auch lokal lassen sich Stimmen finden, die noch nach den Anschlägen davon reden, dass die Bewohner:innen der ZAst an erster Stelle selbst Schuld seien. Das liegt daran, dass durchweg medial ein Bild geschaffen wurde, das die unaushaltbaren unhygienischen Zustände in der Aufnahmestelle und die finanzielle Armut der Menschen den Bewohner:innen als Eigenschaft zuschreibt, anstatt sie als Folge staatlich gewollter Sparpolitik aufzuzeigen: Sie seien eher Schweine als Menschen. Die pure Existenz der Bewohner:innen galt dabei schon als Bedrohung. Das Ganze wurde überspitzt als Gefahr für das eigene Leben vor Ort dargestellt, sodass die Anschläge letztlich als Gegenwehr erschienen.

Das hat aber auch tiefere ökonomische Gründe: Da wir auf die Überausbeutung dieser Vertragsarbeiter:innen angewiesen sind, werden sie auf eine Weise als wertlos inszeniert, die jegliche Gewalt an ihnen rechtfertigt. Deshalb kam es zu einem irrationalen Zerstörungswunsch ebenjener Körper, die sonst ausgebeutet werden, beim tagelangen Feiern der brennenden Unterkunft. Die ökonomische Gewalt führte zu einer Überschlagung anderer Gewaltverhältnisse.

Du beschreibst in deiner Auswertung der damaligen Berichterstattung, dass vor allem rechte Narrative der Demonstrierenden in der Berichterstattung verbreitet wurden. Wie spielen Medien und Gesellschaft zusammen?

Wir müssen uns der Rolle und Funktion von Medien viel mehr bewusst werden. Kurz nach dem Pogrom in Rostock-Lichtenhagen und der Berichterstattung darüber wurde glatt die schon länger geforderte Verschärfung der Asylgesetzgebung umgesetzt, unter anderem weil man hoffte, die Welle rassistischer Ermordungen und Pogrome durch die Begrenzung von Zuwanderung unter Kontrolle zu bekommen. Es wurde deswegen die Drittstaatenregelung eingeführt. Das heißt, ein Antrag auf Asyl ist in Deutschland unzulässig, wenn ich zuvor ein sicheres Land betreten habe in der EU – was bei der mittigen Lage Deutschlands innerhalb Europas nahezu unausweichlich ist. Damit bekräftigte man rechtsextreme Positionen. Diese Regelung ist bis heute gültig.

Wenn Medien Hetze verbreiten und Politiker:innen das Asylrecht nach den Anschlägen zu Lasten Migrierender verschärfen, ist die Frage, was das über unsere Gesellschaft aussagt. Dann wird deutlich, dass solche Anschläge die Spitze des Eisberges einer Gesellschaft sind, die auf der Rassifizierung des Anderen aufbaut: Das fängt bei Ausbeutungsstrukturen an – schließlich ging es um Gast- und Vertragsarbeitende – und führt bis hin zur Spektakularisierung von Rassismus – wenn Wohnungen angezündet werden und die Gesellschaft das feiert.


Die Kontinuitäten solcher Gewalt werden oft verschwiegen, da sie uns zwingen, das große Ganze in Frage zu stellen. Was von Rostock bleibt, ist die gleiche Hetze aus den Chefetagen bürgerlicher Medien, die gleichen Politiker:innen, die gleiche Gesetzgebung. Wer Rostock sagt, kann über die weitere Spektakularisierung von Rassismus hierzulande nicht schweigen, gerade jetzt in Zeiten wiederkehrender Krisen.

In deiner Auseinandersetzung mit dem Thema beschäftigst du dich auch damit, wie sich Polizeiarbeit und Berichterstattung beeinflussen. Im Kontext von Hanau hast du beschrieben, wie das polizeiliche Instrument der »gefährlichen Orte« das Viertel Kesselstadt schon vorab als potentiellen Anschlagsort rechter Gewalt »markiert« hat. In den Medien werden solche Zuschreibungen zum Beispiel im medialen Narrativ der »Clankriminalität« fortgeschrieben. Wie erklärst du das einer Person, die Medien oder der Polizei an sich vertraut?

Die Polizei handelt entweder reaktiv, also indem sie soziale Probleme individuell bestraft, oder sie handelt proaktiv und kriminalisierend wie im Falle sogenannter »gefährlicher« beziehungsweise »kriminalitätsbelasteter Orte«. Die Einstufung als gefährlicher oder kriminalitätsbelasteter Ort räumt der Polizei weitgehende Befugnisse ein, wie verdachtsunabhängige Identitätsfeststellungen oder Durchsuchungen. Ein Ort kann natürlich nicht an sich gefährlich sein. Was durch die Bezeichnung geschaffen wird, sind Rechtfertigungen dafür, eine Menschengruppe unter einen Generalverdacht zu stellen und sie proaktiv in ihrem Alltag einzuschränken: Ich werde kontrolliert, bevor ich etwas getan habe. Das stetige Behandeln als »Gefahr« hat Folgen für die betroffenen Einzelpersonen und für die Gesellschaft.

Das Mediengeschäft ist tatsächlich ein Geschäft – hier wird auf Spektakularisierung gesetzt. Obgleich es organisierte Kriminalität geben mag, entspricht sie verhältnismäßig nicht ansatzweise der Aufmerksamkeit, die ihr zuteilwird. Hier wird also medial eine gesellschaftliche Problemlage geschaffen, die die Realität verzerrt abbildet, und rassistisch aufgeladen. Für die Betroffenen hat das ganz konkrete Folgen: Ihnen wird tagtäglich suggeriert, eine gesellschaftliche Abweichung zu sein, sodass sie irgendwann gefangen sind in dieser Vorstellung: indem sie immer weiter an den Stadtrand gedrängt werden, indem ihre Läden täglich durchsucht werden. Wo hingegen tatsächlich organisierte Kriminalität stattfindet, ist, wenn ein Netzwerk aus Banken, Anwälten und Superreichen jahrelang über das sogenannte Dividendenstripping uns Steuerzahlende in Deutschland und Europa ausraubt, wie bei den Cum-Ex-Geschäften. Diese Kriminalität wird jedoch nicht als solche benannt.

Was sind konkrete Folgen solcher verzerrten Darstellungen?

Wir müssen die Vorstellung, wer oder was gesellschaftlich als Gefahr gilt, politisieren, immerhin ist sie systemstabilisierend. Das heißt, kriminalisiert wird so, dass ein profitorientiertes System mit seinen Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnissen aufrechterhalten werden kann: Es ist kein Strafbestand, Menschen an den EU-Außengrenzen organisiert sterben zu lassen und damit zu morden, genauso wie wohnungslose Menschen aus dem öffentlichen Raum zu vertreiben.

Im Fall von Hanau berichten Angehörige wie Zeugen, dass der Notausgang in Absprache mit der Polizei versperrt war, damit bei geplanten Shisha-Bar-Razzien, niemand entkommen könnte. Eine Analyse von Forensic Architecture bekräftigte, dass die Tür geschlossen war, da keine der Opfer sich Richtung Notausgang bewegten. Hier werden Menschen also qua Existenz räumlich kriminalisiert und damit als gesellschaftliche Gefahr stigmatisiert: Jenen Menschen, die gesellschaftlich unter Angriff stehen, wird zugleich versagt sich zu verteidigen, und sei es allein, indem ihnen das Recht verwehrt wird wegzulaufen.

Im Globalen Süden werden solche Vorfälle mit Achille Mbembes Konzept der »Nekropolitik« erklärt, also dem Recht, andere Menschen, einschließlich der eigenen Bürger:innen, im Rahmen einer Sicherheitsordnung tödlicher Gefahr und dem Tod auszusetzen. Findest du diesen Ansatz sinnvoll?

Das ist kein Ansatz, der für den Globalen Süden alleine zutrifft. Menschen werden überall differentiell, also ungleich, regiert: Auch Europa verteidigt seinen erbeuteten Wohlstand mit Waffengewalt und indem es Menschen wegsperrt. Racial Profiling und das Stoppen von Menschen an EU-Außengrenzen ist Teil jener politischen Machtausübung.


Wie sollten Medien mit staatlichen rassistischen Instrumenten wie der »Nekropolitik« und dem polizeilichen Instrument »gefährlicher Orte« umgehen?

Dafür müssen wir vorrangig klären, welche Rolle Journalismus in diesem System zukommt und welchen Journalismus wir entgegensetzen können. Wir müssen die systemstabilisierende Funktion von bürgerlichen Journalist:innen sehen. Gerade jetzt in Zeiten von Krieg und Krise und einer historischen Aufrüstung von hundert Milliarden waren es insbesondere Medienschaffende, die die Mär gefüttert haben, die Bundeswehr sei unterfinanziert und Aufrüstung würde Sicherheit schaffen. Wer diese Funktion vor Augen hat, dem wird klar, dass die Diversifizierung der Medienlandschaft nicht ausreicht. Es darf dann eben nicht mehr um die einfache Integration in dieses System gehen, sondern darum, es in Frage zu stellen. Natürlich gibt es auch hier Spielräume und kritische Stimmen; Medien sind kein Monolith. Das System in Frage stellen kann aber vor allem, wer unabhängige neue Netzwerke schafft. Dafür gilt es aber nicht, den Zeitungsgedanken zu verwerfen. Im Gegenteil, Zeitung müssen wir als Linke beim Aufbauen von Alternativen als kollektives Organisierungsorgan verstehen, das Stimme der Unzufriedenheit sein kann, um Proteste zu bündeln. Deswegen hatten die Black Panthers ihre eigene Zeitung, genauso wie die Bolschewiki.

ZUR PERSON

Simin Jawabreh studiert und arbeitet in der Politikwissenschaft an der Freien Universität und der Humboldt-Universität Berlin, während sie als »Professionelle Krawallbarbie« auf Instagram den Kapitalismus und die Polizei abschafft.


Carlos Hanke Barajas studiert im Master Politikwissenschaft in Leipzig. Er schreibt journalistisch zu Antirassismus, Ungleichheit und Lateinamerika und ist Mitglied bei den Neuen deutschen Medienmacher*innen.



Gefördert durch das Zentrum für internationale kulturelle Bildung (Goethe-Institut Hamburg)